Astrid Lembcke-Thiel
Astrid Lembcke-Thiel ist Kuratorin für Räume, in denen künstlerische Prozesse stattfinden. Auch der Raum im Kopf kann kuratiert und künstlerisch belebt werden! Ebenso ist sie forschende Künstlerin und Wunderforscherin. In diesem Sinne liegt ihr Arbeitsschwerpunkt im Verhältnis von Raum, Ort, Material und Kommunikation.
Ob in ihrer Rolle als Referentin für Kulturelle Bildung im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur, als Lehrbeauftragte für Ästhetische Bildung an der Uni Kassel, als Künstlerin in Kitas – immer geht es ihr um die Möglichkeit, Freiräume der sinnlichen Wahrnehmung von Welt zu entdecken und die eigene Position darin mit den Mitteln der Künste zu finden.
Für Kulturkita Hessen hat sie als Künstlerin und kuratorische Beraterin die Auftaktveranstaltungen und die Fachtage begleitet, bei der Entwicklung des Kompass Kulturkita mitgewirkt und sich die Inspirationskarten und Give Aways ausgedacht.
Wir haben Astrid Lembcke-Thiel interviewt, um sie als Expertin besser kennenlernen und vorstellen zu können.
Gemeinsam entdecken und kuratieren in einer Kulturkita | © Jan Will
Der genannte Puppenkopf | © Astrid Lembcke-Thiel
Fantasieanregendes Plastikstück | © Astrid Lembcke-Thiel
Sortierte Schätze | © DKJS
Mini-Ausstellungen auf Pappdeckeln beim Fachtag | © DKJS
Verschiedene Formen geben der Sammlung eine ansprechende Dreidimensionalität | © DKJS
Woran kannst du nicht vorbeigehen, ohne stehenzubleiben?
Was für eine schöne Frage! Sie bringt genau auf den Punkt, wie ich durchs Leben gehe, nämlich IMMER ästhetisch forschend. Ich nehme bei allem was ich tue, den mich umgebenden Raum wahr und alles, was darin ist. Alles, was ungewöhnlicher ist, als das, was mein Gehirn kennt, muss erforscht werden – sei es durch Beobachtung, Berührung, wenn ich es mitnehme und zuhause weiter beforsche, oder indem ich es in einen künstlerischen Kontext setze. Dadurch verändert sich das Objekt, und meine Wahrnehmung davon, wie zum Beispiel bei dem zersplitterten Stück Kunststoff, oder dem Mauerstück mit Papier und Puppenkopf, das alles so auf der Straße lag. Immer wieder betrachte ich die Objekte und lasse meine Gedanken dazu weit schweifen.
Was hat Kunst dir als Kind bedeutet – und wer hat dich ermutigt, dran zu bleiben?
Ich denke die Ästhetische Forschung war in meiner Kindheit mein Mittel, um Schwieriges zu kompensieren. Ich konnte mich flüchten in meine Gedanken, beim Schauen in den Himmel, oder wenn ich mich ins Gras legte, die Grashalme fühlen und den Boden riechen konnte und mir vorstellte, sie wären Hundehaare und ich eine Ameise, die auf ihm herumkrabbelt. Als Kind war ich auch in Museen unterwegs, und hatte gute Bilderbücher, aber „gefühlt“ habe ich die Kunst nicht. Ich glaube die Erfahrung von Architektur und Baustellen und ihren interessanten Materialien und Räumen gemeinsam mit meiner Tante, das waren meine Klick-Momente einer Ästhetischen Erfahrung. Mein Verständnis von Kunst ist also ein sehr weites. Letztlich hat mich mein persönliches familiäres Dilemma zum „Dranbleiben“ ermutigt, auch wenn das nicht wirklich schön ist. Aber Kindheit verläuft eben auch nicht immer so, wie es für Kinder gut wäre.
Warum ist kulturelle Bildung aus deiner Sicht gerade in der frühen Kindheit so wichtig?
Das Zitat des französischen Philosophen Gilles Deleuze von 1979 bringt es für mich auf den Punkt: „Dass die Körper sprechen, auch das wissen wir seit langem“ [1]. Kinder sprechen immer authentisch und ganzheitlich mit dem Körper und allen Sinnen. Diese Fülle an Sprachen des Wahrnehmens, des Einordnens und des Ausdrucks von Erfahrungen bietet die Kulturelle Bildung, die mit dem Geborenwerden beginnt. Es steht für mich außer Frage, dass sie in die Bildungsbiografie eines Menschen von null Jahren an gehört und damit in den Bildungsort Kita. Weil Kulturelle Bildung Räume im Kopf öffnet, die anders schwerer zu erreichen sind. Und weil wir alle als Menschen ein Leben lang ästhetisch wahrnehmend sind, – wenn wir so privilegiert sind so geboren zu sein – denn wir können nicht nicht wahrnehmen. Als Erwachsene denken wir oft, das wäre nur für Kinder wichtig. Es ist aber essenziell und für uns alle wichtig. Und in der frühen Kindheit unerlässlich.
Welche besonderen Erfahrungen oder Momente haben dich in der Zusammenarbeit mit den Fachkräften der Kulturkitas besonders berührt oder inspiriert?
Mich hat bei allen Kitas, die ich im Rahmen der Auftaktveranstaltungen als Referentin und Künstlerin besuchen durfte, die absolute Hingabe an den künstlerischen Prozess im Rahmen der Wunderforschung nicht nur berührt, sondern auch sehr begeistert. Die Offenheit der Teams sich auf das kuriose Material einzulassen, sich an die eigene Kindheit zu erinnern und sich mit ihren finalen Arbeiten zu zeigen, das war superschön und definitiv nicht nur für mich höchst inspirierend!
Wenn du heute eine Sache am System Kita ändern könntest, was wäre das?
Ich glaube ich würde tatsächlich vom Raum ausgehend mit Kindern zusammen neue Kita-Gebäude – oder in bestehenden Orten – andere Raumkonzepte entwickeln. Damit die tatsächlichen physischen Räume nicht so viele beengende Lern- und Lebensumstände bewirken und es die ästhetischen Forschungs-Freiräume gibt, die Kinder zum Sich-selbst- und Weltbegreifen wirklich dringend benötigen.
[1] Deleuze, Gilles (1979). Pierre Klossowski oder Die Sprache des Körpers. Sprachen des Körpers. Berlin: Merve Verlag, S. 43.
Einige ihrer Veröffentlichungen finden Sie bei KUBI-ONLINE. Wir empfehlen außerdem das Themendossier Frühkindliche Kulturelle Bildung, das beleuchtet, warum kulturelle Bildung schon in den ersten Lebensjahren so wichtig ist – und wie sie konkret gelingen kann.
Botschafterin der Fundstücke
Nur ein Bruchteil von Astrids Sammlung | © Jan Will
Kreise sammeln? Geht! | © Nanopictures
Auftaktveranstaltung in der Kita Menzelstraße | © Nanopictures
Ergebnisse ästhetischer Forschung | © Jan Will
Kuratierte Sammlungen zum Fachtag 2025 | © DKJS
Give Aways werden überreicht | © DKJS
Versponnene Schätze | © Jan Will